Lohnkürzungen und Entlassungen führten hierzulande im ersten Halbjahr zu zwei Suiziden und einem Suizidversuch. Diese Fälle sind dokumentiert – doch die Dunkelziffer ist hoch. Auch die Zahl von Depressionen steigt.
VON VASILIJE MUSTUR
Die Suizidserie bei France Télécom in den letzten Monaten sorgt weltweit für Schlagzeilen. Nun zeigen Recherchen des «Sonntags», dass sich auch Schweizer Arbeitnehmer aus Verzweiflung umgebracht haben oder dies versuchten:
● Ein Bankangestellter, der entlassen wurde, beging mithilfe von Medikamenten Suizid. Der 55-Jährige hinterlässt eine Frau und erwachsene Kinder.
● Ein 38-jähriger lediger Mitarbeiter, der im internationalen Handel tätig war, sprang von einer Brücke und starb – dies, nachdem er von seinem Chef den blauen Brief erhalten hatte.
● Ein 46-jähriger Banker unternahm einen erfolglosen Suizidversuch mit einer Schusswaffe, nachdem ihm sein Arbeitgeber gekündigt hatte. Seither ist der Vater zweier Kinder im schulpflichtigen Alter halbinvalid und sitzt im Rollstuhl.
Die drei Fälle ereigneten sich innerhalb der letzten sechs Monate. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes verzichtet der «Sonntag» auf weitere Angaben über die Betroffenen. Eines haben die Fälle gemeinsam: Es handelte sich stets um Männer und um Kadermitglieder.
Seit Ausbruch der Krise stellen Psychiater einen Anstieg von Patienten mit Depressionen fest, welche in schweren Fällen zu Suizidgedanken und Suizidhandlungen führen können. «Ich stelle seit etwa einem Jahr einen Anstieg von bis zu 30 Prozent krisenbedingter Depressionen fest», bestätigt Prof. Erich Seifritz, Direktor an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.
Dies deckt sich mit den Beobachtungen der Sektionen des Kaufmännischen Verbandes. So müssen die Berater seit Anfang Jahr jede Woche zwei oder drei Arbeitnehmer mehr betreuen, die infolge von Arbeitsplatzverlust oder Lohnkürzungen unter Depressionen leiden. «Eine solche Zahl habe ich in meiner 25-jährigen Laufbahn noch nie gesehen», sagt Peter Vonlanthen, Geschäftsleiter des KV Zürich.
Auch die regionalen Arbeitsvermittlungsstellen des Kantons Zürich, beobachten eine leichte Zunahme psychischer Probleme aufgrund steigender Arbeitslosigkeit. «Mitunter macht sich Hoffnungslosigkeit breit», sagt Can Arikan vom Zürcher Amt für Wirtschaft und Arbeit.
Das Erschreckende an der Situation ist laut Psychologe Seifritz, dass sowohl Depression wie auch Suizid branchenübergreifend vorkommen. «Depression führen in der Regel zum Verlust von Lebensfreude. In seltenen Fällen äussern sie sich auch in Wut und aggressiven Verhalten». Dies zeigen zwei Beispiele, welche dem «Sonntag» vorliegen:
● Letztes Jahr löschte ein Team einer namhaften Versicherungsgesellschaft vorsätzlich Kundendaten, nachdem gegenüber einigen Mitarbeitern Lohnkürzungen oder Kündigungen ausgesprochen wurden.
● Ausserdem liessen Angestellte eines Treuhandbüros das gesamte IT-System zusammenbrechen, als es innerhalb der Firma zu Kündigungen kam.
Der kaufmännische Verband führt die Situation auf den zunehmenden wirtschaftlichen Druck und die «soziale Kälte» der Arbeitgeber gegenüber den Angestellten zurück. «Dabei sticht vor allem der Bankensektor mit seinem skrupellosen Verhalten gegenüber der Belegschaft heraus», sagt Vonlanthen vom KV Zürich.
Der Schweizerische Arbeitgeberverband räumt zwar ein, dass der Druck auf die Arbeitnehmer gestiegen sei, Informationschef Hans Reis sagt aber: «Wir treten seit je für sozialverträgliche Personalentscheide ein – gerade wenn es um Stellenabbau geht. Viele Firmen machen das beispielhaft, indem sie die Betroffenen durch interne und externe Fachpersonen bei der Neuorientierung begleiten.»