HOCHMUT:
ARROGANZ KOMMT VOR DEM FALL
Hochmütig werden vor allem Männer, sagt Psychiater Wulf Rössler, weil sie ihre Selbstachtung aus ihrem sozialen Status beziehen. Foto: Keystone
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Arrogante Menschen sind keine glücklichen Menschen. Zu diesem Schluss kommt eine amerikanische Studie. Wer hochmütig ist, vereinsamt, leidet an Depressionen und läuft wegen Selbstüberschätzung Gefahr, sich zu viel zuzumuten.

VON DENISE BATTAGLIA

Manchmal sitzt ein hoch bezahlter Manager, der scheinbar alles hat, bei Psychiater Wulf Rössler. Mit diagnostiziertem Burnout, weil er seine Fähigkeiten und Kräfte überschätzte. Einsam, weil er sich in den letzten Jahren von den «anderen» – den sozial tiefer gestellten – abgesetzt hatte. Depressiv, weil er sich von der Welt da draussen abgelehnt fühlt und sie nicht mehr versteht.

«Kürzlich beklagte sich ein von sich sehr überzeugter Manager, der schon Hunderte Angestellte entlassen hatte, darüber, dass er nicht mehr als Mensch wahrgenommen wird», erzählt Psychiater Rössler.

«Arroganz», sagt er, «macht einsam.» Der Vorsteher und Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich kann sich nicht vorstellen, dass ein arroganter Mensch auf Dauer ein gutes Leben führen kann. «Wenn der Hochmut zunimmt, nimmt das Glück ab» lautet ein Sprichwort.

Diese Volksweisheit wurde nun sozusagen wissenschaftlich belegt. Gemäss einer amerikanischen Studie sind arrogante Menschen oft unglückliche Menschen. Dustin Woods, Psychologie-Assistenzprofessor an der Wake Forest University in Winston-Salem (North Carolina) hatte mit seinem Team untersucht, was das Denken eines Menschen über andere über seine Persönlichkeit aussagt. Für ihre Studie stellten die Wissenschafter Probanden die Aufgabe, positive und negative Charaktereigenschaften von drei ihnen bekannten Personen aufzuzählen. Aus den Beschreibungen konnten die Forscher schliessen, wie wohl sich die Kritiker fühlen, ob sie mental stabil sind und wie andere Menschen wiederum über die Kritiker urteilen. Die Resultate wurden kürzlich im Fachmagazin «Journal of Personality and Social Psychology» veröffentlicht.

Der Zufriedenheitsstudie zufolge sind Menschen, die schlecht über andere denken, sie kritisieren, abwerten oder sich von ihnen distanzieren, oftmals unzufrieden mit ihrem Leben. Sie leiden oft an einer Persönlichkeitsstörung und haben ein erhöhtes Risiko, depressiv zu werden. «Andere positiv zu sehen, hat auch einen positiven Einfluss auf die eigene Persönlichkeit», wird Studienleiter Woods in der deutschen Zeitschrift «Spiegel» zitiert. Diese Menschen seien häufig glücklich, enthusiastisch, gutmütig und emotional stabil. Wer aber eher negativ über andere urteilt, habe mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Hang zu Narzissmus und unsozialem, arrogantem Verhalten.

Ein arroganter Mensch veranschlagt seinen Wert, seinen Rang und seine Fähigkeiten besonders hoch. Früher sprach man von Hochmut. Er gehörte zu christlicheren Zeiten zu den sieben Hauptlastern und wurde als eine der Ursachen sündigen Handelns betrachtet. Symbol der menschlichen Hybris und in vielen Bildern dargestelltes Mahnmal: der Turmbau zu Babel. Für die Selbstüberschätzung bestrafte Gott die Menschen, die zuvor eine gemeinsame Sprache hatten, mit Sprachverwirrung – mit Einsamkeit.

Arrogante Menschen gehen auf soziale Distanz. Wer sich für etwas Besonderes hält, will sich von den aus seiner Sicht weniger besonderen Menschen – vom «Pöbel» – absetzen. «Wer hochmütig ist», sagt Wulf Rössler, «hat oft ein Problem mit seinem Selbstwertgefühl.» Er bezieht seine Selbstachtung offensichtlich vor allem aus seinem sozialen Status und nicht aus seinem Handeln.

Überheblich würden vor allem Männer, sagt Rössler. Das habe vermutlich damit zu tun, dass Männern der soziale Status in der Regel wichtiger sei als Frauen. Und gerade jene Menschen, die es ohne dass sie viel geleistet hatten, nach oben spülte, verhielten sich oft arrogant. «Arrogante Menschen schreiben den Erfolg meistens allein ihren Fähigkeiten zu», erklärt der Basler Soziologe Ueli Mäder das Verhalten. Dabei seien es ja immer auch günstige Umstände, die dazu beitragen, eine gute Position zu erlangen. Dass der Zufall kräftig mitwirkte, vergessen erfolgreiche und privilegierte Menschen leicht. Macht sei verführerisch, sagt Mäder. «Sie verführt einen dazu, sich für besser als andere zu halten.»

Ganze Gemeinschaften können überheblich sein. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit waren es vor allem die adligen und freien Bürger. Das Wort «Standesdünkel» zeugt davon. In den letzten Jahren wurden den so genannten Yuppies wegen ihres Lebensstils Arroganz, Egoismus und Rücksichtslosigkeit vorgeworfen. Beim Yuppie (englisch für «young, urban, professional») handelt es sich um junge Menschen in beruflich guten Positionen, die in Städten oder stadtnah wohnen. Für den Yuppie stehen der Konsum und der materielle Wohlstand im Vordergrund. Er hebt sich von den anderen mit exklusiven Kleidern, exklusiven Autos, exklusiven Wohnungen in exklusiver Wohnlage und Besuchen in exklusiven Restaurants ab. «Yuppies halten sich oft für genial», sagt Soziologe Mäder. Und sie verkehren meist nur noch mit ihresgleichen.

Doch Mäder ist überzeugt, dass ein überheblicher Mensch sich auf Dauer selbst schadet: «Er verkennt die Realität und wiegt sich in Illusionen.» Irgendwann aber werde er Opfer seiner Selbsttäuschung. «Die Anmassung fällt auf ihn zurück.»

Das Gegenteil von Hochmut ist Demut. «Demut bedeutet, dass wir uns und unserem Handeln nicht übermässige Bedeutung beimessen», sagt Rössler. Er selbst glaubt, dass Menschen, die wirklich etwas geleistet haben und ihr Handeln reflektieren, bescheiden bleiben. Der Psychiater gesteht aber ein, dass es schwierig sei, auf dem Boden zu bleiben, wenn man erfolgreich, reich, mächtig und berühmt sei. Rössler: «Bescheidenheit verlangt sehr viel Selbstdisziplin.»

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Samstag, 04. September 2010 23:00
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